Speech Analysis: eine englische Rede analysieren
Jede Rede ist für einen bestimmten Moment gebaut: für ein anwesendes Publikum, einen Anlass und ein Ziel. Erst wenn diese Situation geklärt ist, lässt sich sagen, warum ein Redner ausgerechnet zu diesen Bildern, Zahlen und Wiederholungen greift. Ich gehe mit dir die Redesituation durch, dann die drei Überzeugungswege ethos, pathos und logos und die rhetorischen Mittel. Zum Schluss analysiere ich eine kurze Rede vor einem Stadtrat vollständig.
Der Operator analyse und die Grenze zur Stellungnahme
Eine Rede (speech) kann in der Klausur als Sachtext auf dem Aufgabenblatt stehen, meist als Auszug mit Quellenangabe. In den Abiturklausuren 2024 bis 2026, die ich ausgewertet habe, war der Ausgangstext allerdings nie eine Rede. Dort kam sie als Zieltext vor, den du selbst schreibst, und als Zitat in einer Wahlaufgabe. Die Mittel auf dieser Seite brauchst du deshalb in beide Richtungen: um eine Rede zu analysieren und um selbst eine zu schreiben. Wird eine Rede analysiert, nennt die Aufgabe wie bei jedem Sachtext zwei Aspekte, communicative strategies und use of language. Verlangt ist damit, den Aufbau, die Argumente und die Sprache der Rede zu untersuchen und jede Beobachtung an ihre Wirkung zurückzubinden. Den Inhalt selbst setzt diese Teilaufgabe voraus: In der NRW-Klausur steht die Analyse als Aufgabe 2 zwischen der Wiedergabe (comprehension, Aufgabe 1) und der Stellungnahme oder Gestaltungsaufgabe (evaluation, Aufgabe 3), und jede Teilaufgabe wird für sich bewertet.
Der Operator entscheidet, wie weit du gehst. Analyse liegt im Anforderungsbereich II (AFB II): Du legst offen, wie die Rede funktioniert, und belegst das am Text. Erst wenn zusätzlich comment, assess oder evaluate gefordert ist, kommt eine eigene, begründete Stellungnahme dazu, etwa die Frage, ob die Rede ihr Publikum wirklich erreicht. Diese Operatoren sind in Grund- und Leistungskurs dieselben, ebenso der Aufbau der Klausur und die Anforderungsbereiche. Der Leistungskurs hat 30 Minuten mehr Schreibzeit, anspruchsvollere Textvorlagen und einen höheren Maßstab in der Darstellungsleistung.
Was eine Rede von einem Zeitungsartikel oder einem Blogeintrag unterscheidet, ist der Umstand, dass sie gesprochen wird: an einem Tag, an einem Ort, vor Menschen, die anschließend etwas tun oder lassen sollen. Diese Situation ist der erste Gegenstand deiner Analyse. Sie liefert den Maßstab, an dem du anschließend jedes einzelne rhetorische Mittel beurteilst.
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Wer spricht, zu wem, bei welchem Anlass
Ein Zeitungsartikel richtet sich an eine unbekannte Leserschaft, die ihn irgendwann liest. Eine Rede wird an einem bestimmten Tag vor Menschen gehalten, die im selben Raum sitzen, und sie soll dort etwas erreichen: Zustimmung, eine Entscheidung, Trost, Aufbruch. Vier Fragen klären diese Ausgangslage, und ihre Antworten begleiten dich durch die ganze Analyse.
Zum anwesenden Publikum kommt oft ein zweites, das nicht im Saal sitzt. Politische Reden werden übertragen, mitgeschnitten und am nächsten Tag zitiert, eine Rede vor der Belegschaft erreicht über die Presse auch Kunden und Anteilseigner. Passagen, die im Saal überflüssig wirken, sind häufig für dieses zweite Publikum gedacht, etwa wenn ein Redner Selbstverständlichkeiten ausbuchstabiert oder betont sachlich bleibt, obwohl die Anwesenden längst applaudieren. Wenn Aufgabentext oder Quellenangabe auf Übertragung, Presse oder Veröffentlichung hinweisen, gehört das in deine Einleitung.
Diese Angaben stehen selten geschlossen an einer Stelle. Drei Fundorte tragen sie fast immer:
- Überschrift und Vorspann. Sie nennen häufig Redner und Anlass in einem einzigen Satz, etwa “Speech delivered at the opening of the climate conference”.
- Die Quellenangabe unter dem Auszug. Datum, Ort und Medium. Das Datum verweist auf den historischen Moment, das Medium zeigt, wer die Rede über den Saal hinaus erreicht hat.
- Der Redetext selbst. Anreden wie “Fellow citizens” oder “Members of the board” benennen die Zuhörer direkt, Verweise auf Ereignisse (“after what happened last week”) liefern den Anlass, und die Aufforderung am Schluss (“vote”, “join us”, “remember”) zeigt das Ziel.
Manchmal geben Aufgabenstellung und Quellenangabe den Anlass nicht her. Dann markierst du deine Vermutung als Schluss aus dem Text und nennst den Beleg dafür: “The speech appears to have been given shortly after the election, since the speaker refers to a result that everyone in the room already knows.” Vorsichtige Wendungen wie “appears to”, “suggests that” oder “is most likely” gehören zum Handwerk der Analyse.
Die Redesituation gehört in die Einleitung deines Aufsatzes, und sie bleibt danach in Gebrauch: Jedes Stilmittel beurteilst du daraufhin, was es bei genau diesen Zuhörern in genau dieser Lage bewirkt.
Ethos, Pathos, Logos: drei Wege, ein Publikum zu gewinnen
Seit der Antike beschreibt die Rhetorik Überzeugung mit drei Begriffen, die auf Aristoteles zurückgehen. Sie geben dir ein Raster, in das sich jede einzelne Beobachtung einordnen lässt, und sie hängen unmittelbar an der Redesituation: Ein Publikum, das dem Redner misstraut, muss er zuerst über ethos gewinnen, vor Fachleuten kommt er an logos nicht vorbei, und eine Gedenkfeier verlangt einen anderen Ton als eine Aufsichtsratssitzung. Viele Passagen bedienen mehrere Wege gleichzeitig, dann entscheidest du, welcher davon die Stelle trägt.
Stilmittel und was sie beim Zuhörer auslösen
Ein Stilmittel zu erkennen bringt für sich genommen noch keinen Punkt. Gefordert sind drei Schritte: das Mittel benennen, es am Text belegen, seine Wirkung erklären. Die Wirkung beschreibst du dabei immer mit Blick auf die Zuhörer aus der Redesituation, denn dieselbe Anapher klingt vor einer Schulversammlung anders als vor einem Untersuchungsausschuss. Diese acht Mittel begegnen dir in Reden besonders oft.
Die Redeanalyse gliedern
Die drei Teile deines Aufsatzes bauen aufeinander auf: Die Einleitung stellt die Redesituation her, der Hauptteil zeigt, wie der Redner sie nutzt, der Schluss beantwortet, wie weit er damit kommt. Geschrieben wird im Präsens und ohne Ich-Form, solange kein Operator ausdrücklich deine Stellungnahme verlangt.
Einleitung (introduction)
Ein bis zwei Sätze mit den Angaben aus der Redesituation: Wer spricht, bei welchem Anlass, vor welchem Publikum, zu welchem Thema und mit welchem erkennbaren Ziel? Datum, Ort und Medium gehören hierhin, sofern die Quellenangabe sie hergibt. Der Inhalt der Rede wird an dieser Stelle nicht nacherzählt.
Hauptteil (analysis)
Der längste Teil, in drei Schichten. Zuerst kurz der Gedankengang: Wie ist die Rede aufgebaut, worauf läuft sie zu? Dann die Argumentation: Womit begründet der Redner seine Position, welche Beispiele, Zahlen oder Autoritäten führt er an? Zuletzt die Sprache und Rhetorik: Welche Stilmittel setzt er ein und was bewirken sie bei den Zuhörern, die du in der Einleitung benannt hast?
Jede Beobachtung wird am Text belegt, gern mit Zeilenangabe, und mit ihrer Wirkung verbunden. Der Schwerpunkt der Bewertung in AFB II liegt genau dort, wo Beleg und Wirkung zusammenkommen.
Schluss (conclusion)
Ein knappes Fazit, das deine Analyse bündelt: Wie überzeugend ist die Rede für dieses Publikum bei diesem Anlass, und worauf zielt der Redner? Nur wenn der Operator es verlangt, folgt hier deine eigene, begründete Einschätzung. Neue Beobachtungen gehören nicht mehr in den Schluss.
Eine Rede vor dem Stadtrat und was sie beim Publikum auslöst
Die Beispielrede: Eine Siebzehnjährige spricht in einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats und wirbt dafür, das Stadtzentrum autofrei zu machen. Damit steht die Redesituation fest: Sie selbst hat kein Stimmrecht, ihre Zuhörer entscheiden noch am selben Abend, und die Lokalpresse sitzt mit im Raum. Zuerst der Redeauszug, dann die Analyse.
“Fellow citizens, members of the council, imagine a Saturday morning without the roar of engines. Imagine children cycling to the market. Imagine neighbours crossing the square without fear. This is not a dream. It is a decision, and it is yours to make tonight.
For three years we have counted the cost of doing nothing: the air our grandparents can no longer breathe, the accidents on Bridge Street, the shops that close because no one wants to linger beside four lanes of traffic. Every other week another family moves away. Is this really the town we want to hand to our children?
I am seventeen. I cannot yet vote in your elections, but I can see what is at stake. Give us back our streets, and we will give you back a town worth living in.”
1. Einleitung: die Redesituation
In her speech to the town council, a seventeen-year-old student argues in favour of turning the town centre into a car-free zone. Speaking at a public council meeting that is also covered by the local press, she addresses the councillors directly and tries to persuade them to vote for the proposal that same evening.
2. Hauptteil: Argumentation und Rhetorik
The speaker opens by appealing to the councillors‘ emotions (pathos). The anaphora “Imagine … Imagine … Imagine …” invites the audience to picture a calmer, safer town and makes that vision feel almost real before a single argument is made. The three parallel images form a tricolon that sounds complete and memorable, and the contrast between this peaceful picture and “the roar of engines” sets up the choice she wants the council to see.
She then turns to facts and consequences (logos). By listing “the air our grandparents can no longer breathe, the accidents on Bridge Street, the shops that close”, she backs her case with concrete, local costs rather than vague claims. The precise detail “for three years” and “every other week another family moves away” makes the problem sound measured and urgent at once. The rhetorical question “Is this really the town we want to hand to our children?” needs no answer: it pushes the listeners to reject the status quo themselves. Because the councillors face re-election, the appeal to what voters will “hand to our children” carries a quiet political weight.
In the final lines she builds her credibility (ethos). Admitting “I am seventeen. I cannot yet vote” turns her youth into a strength: she has nothing to gain and speaks for the generation that will inherit the decision. The closing antithesis “Give us back our streets, and we will give you back a town worth living in” frames the vote as a fair exchange and leaves the audience on a confident, forward-looking note. With reporters in the room, this last sentence is aimed at a second audience as well: the residents who will read about the meeting the next morning.
3. Schluss: das Fazit
All in all, the speech is tightly built and well suited to its occasion. It moves the audience from feeling (pathos) through reasoning (logos) to trust (ethos), and its rhetorical devices all serve one aim: to make a car-free town centre feel both desirable and overdue on the very evening of the vote. The speaker’s intention is clear: she wants the council to act tonight, and every image, statistic and turn of phrase is chosen to make voting yes feel like the only responsible choice.
Dieselbe rhetorische Figur wirkt vor unterschiedlichem Publikum unterschiedlich. Ein “we” vor dem Stadtrat schließt Ratsmitglieder und Bürger zu einer Gemeinschaft zusammen, dasselbe “we” in einer Wahlkampfrede zieht eine Grenze zu den politischen Gegnern. Halte deshalb bei jeder Beobachtung fest, wen der Redner damit erreicht und was er bei diesen Zuhörern auslöst, und belege es mit der Textstelle, an der es steht.
Formulierungen für Redesituation, Wirkung und Fazit
Diese useful phrases decken die drei Stellen ab, an denen es in vielen Klausuren stockt: der erste Satz, die Verbindung von Mittel und Wirkung, der letzte Absatz.
- “In his / her speech, delivered at …, the speaker addresses the issue of …”
- “The speech was given on the occasion of …, at a time when …”
- “The speaker is addressing an audience of …, most of whom …”
- “The speaker’s aim is to persuade the audience to …”
- “By using a rhetorical question, the speaker encourages the audience to …”
- “The anaphora / tricolon emphasises …”
- “The speaker appeals to the audience’s emotions when he / she …”
- “This creates a sense of unity between speaker and audience.”
- “For listeners who …, this image is particularly effective because …”
- “All in all, the speech is highly persuasive because …”
- “Given the occasion and the audience, this strategy seems well chosen, since …”
- “The speaker’s overall intention is to …”
Rhetorische Fachbegriffe auf Englisch
Mit dem passenden Wortschatz beschreibst du genau, was der Redner tut. Die Begriffe sind nach den drei Ebenen sortiert, die deine Analyse durchläuft: Situation, Mittel, Wirkung.
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Die Oberkategorie: Wie du jeden nicht-fiktionalen Text analysierst, von der Rede bis zum Zeitungsartikel.
Ansehen →Dieselbe Analyse-Logik am Bild: Stilmittel erkennen, ihre Wirkung deuten, die Botschaft ableiten.
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Ansehen →Den ganzen literarischen Text deuten: Setting, Erzählperspektive, Sprache und Thema.
Ansehen →Mehr Techniken wie diese?
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Die Redeanalyse ist eine von vielen Techniken, die im Abitur zählen. Operatoren, Textsorten, Analyse und die Themenfelder: Ich habe alles so aufbereitet, wie ich es im Unterricht erkläre und in der Korrektur sehe. Im Praxis-Guide steht das als Buch: 444 Seiten für 14,99 €, mit einer kompletten Übungsklausur für Grund- und Leistungskurs. Wer lieber geführt lernt, nimmt den Vollkurs mit seinen fünfzehn Modulen.
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