Wissen · Sprachmittlung

Sprachmittlung im Englisch-Abitur: Adressat, Aufbau und ein ausformuliertes Beispiel

Im Klausurteil Sprachmittlung überträgst du einen deutschen Text sinngemäß ins Englische, und zwar für einen bestimmten Leser: eine Austauschpartnerin, eine Schülerzeitung, ein Online-Forum. Was dieser Leser über Deutschland nicht weiß, bestimmt, welche Informationen du auswählst, was du erklärst und in welchem Ton du schreibst. An einer Beispielaufgabe gehe ich das durch.

Eigener Klausurteil

Sprachmittlung als eigenständiger Klausurteil

Die Sprachmittlung (mediation) ist ein eigener Klausurteil und wird getrennt vom Schreibteil bewertet. Du bekommst einen deutschen Sach- oder Gebrauchstext und überträgst seinen Inhalt sinngemäß in einen englischen Zieltext, meist eine E-Mail, einen Blog-Eintrag oder einen Artikel. Die typischen Operatoren sind outline, present, summarize, explain und write in Verbindung mit einem Textformat.

Entscheidend ist das Wort sinngemäß. Eine Übersetzung bildet den Ausgangstext Satz für Satz ab. Bei der Sprachmittlung entscheidest du dagegen anhand der Kommunikationssituation, welche Informationen der Empfänger überhaupt brauchen kann, und formulierst sie für ihn in eigenen Worten.

Bewertet wird zum einen die inhaltliche Leistung, also Vollständigkeit und Relevanz der übertragenen Informationen samt der kulturellen Einordnung, zum anderen die Darstellungsleistung, zu der die kommunikative Textgestaltung mit ihren Formatmerkmalen und dem Adressatenbezug, das Ausdrucksvermögen und die sprachliche Korrektheit gehören.

Für Grund- und Leistungskurs ist das Vorgehen identisch. Im Leistungskurs ist die Textvorlage anspruchsvoller, die Schreibzeit beträgt 30 Minuten mehr, und an die Darstellungsleistung wird ein höherer Maßstab angelegt, am Aufbau der Aufgabe ändert das jedoch nichts.

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Adressat und Anlass

Die Kommunikationssituation aus der Aufgabenstellung ablesen

Bevor du den deutschen Text zum zweiten Mal liest, klärst du vier Angaben. Sie stehen meist in einem einzigen Satz der Aufgabenstellung, und jede von ihnen hat Folgen für den Zieltext.

Wer schreibt
Oft schreibst du in einer Rolle, etwa als deutsche Austauschschülerin oder als Mitglied einer Projektgruppe. Die Rolle begründet die Perspektive und damit auch, dass du deutsche Verhältnisse erklärst.
An wen
Eine einzelne Person, eine Redaktion, ein Publikum im Netz. Der Adressat entscheidet, welche Informationen für ihn relevant sind und wie viel Vorwissen du voraussetzen kannst.
Aus welchem Anlass
Eine Frage, die dir gestellt wurde, ein Schulprojekt, eine laufende Diskussion. Der Anlass liefert den Einstiegssatz und legt fest, was aus dem Ausgangstext überhaupt zur Sache gehört.
In welcher Textsorte
E-Mail oder Brief, Artikel oder Blog-Eintrag. Die Textsorte bringt ihre Formatmerkmale mit: Anrede, Betreff, Absätze, Gruß. Sie müssen im Zieltext sofort erkennbar sein.

Mit diesen vier Antworten steht der Maßstab für die Auswahl bereits fest: Relevant ist, was dieser Leser für diesen Anlass in diesem Format gebrauchen kann. Was er ohne Erklärung nicht versteht, ist der Gegenstand des nächsten Abschnitts.

Die Wissenslücke des Lesers

Deutsche Begriffe und Einrichtungen für ein englisches Publikum einordnen

Der Ausgangstext ist für deutsche Leser geschrieben und setzt voraus, was hier jeder kennt: das Schulsystem, das Vereinswesen, Behörden, Feiertagsregelungen, geläufige Abkürzungen. Der englischsprachige Adressat hat diesen Hintergrund nicht. An dieser Stelle entscheidet sich die Sprachmittlung, denn eine formal saubere E-Mail nützt dem Empfänger wenig, wenn der zentrale Begriff darin für ihn leer bleibt.

Für die Erklärung reichen in aller Regel drei Muster. Du löst den Begriff mit einer Apposition auf (“the Abitur, the exams German students take at the end of school”), du vergleichst ihn mit einer bekannten Einrichtung (“roughly the equivalent of A-levels”), oder du beschreibst seine Funktion, ohne ihn zu übersetzen (“a card that lets you use all local buses and trains for a fixed monthly fee”). Bei Vergleichen gehört ein einschränkendes Wort dazu, weil sich zwei Systeme nie genau decken: roughly, more or less, similar to.

Ein Halbsatz genügt dafür meistens. Bleiben solche Begriffe dagegen unkommentiert stehen, fehlt dem Leser genau die Information, die die Aufgabe abfragt, und in der Korrektur kostet das Inhaltspunkte. Die folgenden Begriffe tauchen in deutschen Ausgangstexten immer wieder auf.

Schrebergarten
a small rented garden plot, part of a long German tradition of allotment gardening
Abitur
the final secondary-school exams that qualify students for university
Ehrenamt
voluntary, unpaid work for the community
Deutschlandticket
a nationwide monthly pass for local and regional public transport
Vereinsleben
the strong German culture of clubs and associations for sport and hobbies
Brückentag
a working day between a public holiday and the weekend that many take off

Nicht jedes deutsche Wort braucht diese Behandlung. Kindergarten, Autobahn oder Bratwurst sind im Englischen geläufig und können unkommentiert stehen bleiben. Sobald ein Begriff aber für eine Einrichtung, eine Regelung oder eine Gewohnheit steht, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt, gehört ein erklärender Halbsatz dazu.

Auswahl und Umfang

Auswählen, kürzen und in eigenen Worten wiedergeben

Erst wenn Adressat, Anlass und Textsorte feststehen, lohnt der zweite Durchgang durch den deutschen Text. Markiere die Hauptaussagen und sortiere sie danach, was der Empfänger mit ihnen anfangen kann. Ausgeschmückte Beispiele, Nebenaspekte und Zahlen ohne Bezug zur Frage bleiben draußen.

Wie lang der Zieltext wird, gibt entweder die Aufgabenstellung vor, oder es ergibt sich aus dem Format. In der Regel fällt er kürzer aus als die Vorlage, weil du zusammenfasst und aussortierst. Der Platz, den du dabei gewinnst, geht in die Erklärungen aus dem vorigen Abschnitt.

Auswählen
Nur die Informationen, die für Adressat, Anlass und Format etwas beitragen, nicht der komplette Inhalt der Vorlage.
Weglassen
Details, die nur im deutschen Zusammenhang Sinn ergeben, Wiederholungen und Beispiele, die der Empfänger nicht braucht.
Umformulieren
Den Inhalt sinngemäß in eigenen Worten wiedergeben. Eine Übertragung Satz für Satz wird unnötig lang und klingt oft ungelenk.
Register treffen
Ton und Wortwahl passen zu Empfänger und Textsorte, von der lockeren Mail an eine Freundin bis zum sachlichen Beitrag für eine Redaktion.
Bei der Wiedergabe bleiben
Du gibst den Inhalt weiter und kommentierst ihn nicht, es sei denn, die Aufgabe verlangt ausdrücklich eine Einschätzung.
Format sichtbar machen
Anrede, Betreff und Gruß gehören zur kommunikativen Textgestaltung und werden mitbewertet.

Zum Schluss liest du den englischen Text noch einmal als Ganzes. Tragen die Absätze eine erkennbare Reihenfolge, sind die Übergänge gesetzt, stimmen Zeiten und Formen? Sprachliche Korrektheit und Textgestaltung zählen in der Darstellungsleistung mit.

Eine Beispielaufgabe

Ein deutscher Artikel wird zur englischen E-Mail

Die Beispielaufgabe: Deine britische Austauschpartnerin hat gefragt, was junge Leute in Deutschland in ihrer Freizeit machen. Fasse für sie den folgenden deutschen Artikel in einer E-Mail sinngemäß zusammen.

Damit liegen die vier Angaben vor: Du schreibst in deiner eigenen Rolle, an Emily, weil sie eine Frage gestellt hat, in einer privaten E-Mail. Emily kennt Deutschland nur vom Austausch, ein Schrebergarten sagt ihr nichts.

Beispiel-Ausgangstext (Deutsch)

Immer mehr junge Familien und sogar Studierende entdecken den Schrebergarten für sich. Was lange als spießiges Hobby von Rentnern galt, wird in vielen deutschen Städten wieder zum Trend. Die kleinen Parzellen sind günstig zu pachten, und wer eine haben will, muss oft jahrelang auf einer Warteliste stehen. Für viele ist der eigene Garten ein Ausgleich zum stressigen Stadtleben: Man baut Gemüse an, trifft Nachbarn und kommt an die frische Luft. Kritiker bemängeln allerdings die strengen Vereinsregeln, die zum Beispiel vorschreiben, wie hoch die Hecke sein darf.

Mögliche Mediation (Englisch, E-Mail)

Hi Emily,

you asked what young people over here do in their free time, and there is actually a funny new trend: the Schrebergarten. That is a small rented garden plot, part of a long German tradition of allotment gardening. It used to be seen as a boring hobby for pensioners, but now young families and even students are getting into it.

The plots are cheap to rent, although you often have to wait years on a list to get one. People love having their own little green space away from the busy city, where they can grow vegetables and meet their neighbours. The one catch is the strict club rules, which even tell you how high your hedge is allowed to be!

Talk soon,
Lena

Was in dieser E-Mail passiert

Der erste Satz greift Emilys Frage auf, der zweite erklärt den Schrebergarten in einem angehängten Halbsatz, und der Ton bleibt der einer privaten Nachricht, samt Anrede und Gruß. Aus dem wertenden „spießig“ wird ein knappes “boring”, die Vorteile stehen zusammengezogen in einem Satz, und die Kritik an den Vereinsregeln kommt als Zusatz am Ende. Kein Satz ist wörtlich übersetzt, und eine eigene Meinung kommt nicht hinzu.

Sätze zum Übernehmen

Wendungen für Einstieg, Erklärung und Anschluss

Vier Stellen im Zieltext verlangen fast immer Formulierungsarbeit: der Einstieg über den Anlass, die Erklärung eines deutschen Begriffs, der Anschluss weiterer Punkte und der Abschluss. Für jede dieser Stellen kannst du dir ein paar Wendungen bereitlegen.

Den Anlass aufgreifen
  • “You asked me about …, so here is what I found out.”
  • “I read an interesting article about … that I wanted to share.”
  • “I thought you might like to know that …”
Einen deutschen Begriff erklären
  • “This is a kind of …”
  • “It is roughly the equivalent of …”
  • “In Germany, this means that …”
  • “What we call … is basically …”
Weitere Punkte anschließen
  • “The article also mentions that …”
  • “Another interesting point is that …”
  • “On the downside, however, …”
Den Text abschließen
  • “Let me know if you want to hear more about it.”
  • “I hope that answers your question.”
  • “I would be curious to hear how that works where you live.”
Vokabeln zum Einordnen

Wortschatz fürs Erklären, Vergleichen und Wiedergeben

Die erste Gruppe brauchst du, um deutsche Begriffe flüssig einzuordnen, die zweite, um über den Ausgangstext und seinen Adressaten zu sprechen.

Erklären und vergleichen
a kind of / a type of
eine Art
the equivalent of
das Gegenstück zu
so-called
sogenannt
roughly / more or less
in etwa
similar to
ähnlich wie
Über Text und Adressat sprechen
to paraphrase
sinngemäß wiedergeben
target reader
Zielleser, Adressat
to put in context
einordnen
register / tone
Sprachregister, Ton
source text
Ausgangstext
to convey
vermitteln, herüberbringen
to leave out
weglassen
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